© Carline Martin
Gierwerei – Lederindustrie
Wiltz: Wo Leder einen globalen Markt fand
Jahrhundertelang war die Stadt Wiltz ein Synonym für eines: Leder. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich Wiltz zu einem international bekannten Zentrum der Lederverarbeitung. Geschickte Gerber verwandelten Häute in geschmeidige Materialien, die ihren Weg über die Kontinente fanden. Dies ist eine Geschichte über Handwerkskunst, wirtschaftliche Macht und eine Gemeinschaft, die es wagte, der Willkür zu trotzen.
Die Wurzeln einer Industrie
Das Erbe der Lederindustrie in Wiltz reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Die günstige Lage des Ortes spielte wahrscheinlich eine wichtige Rolle, denn die reichlich vorhandenen Lohhecken lieferten die für das Gerben notwendige Rinde. Die Gerber verließen sich auf die natürlichen Gerbstoffe der Rinde - säurehaltige Verbindungen, die Tierhäute in haltbares Leder verwandeln. Saubere Flüsse boten die perfekte Wasserquelle für den arbeitsintensiven Gerbprozess. Mit dem Wachstum der Industrie entwickelte sich auch der ausgezeichnete Ruf der Stadt.
Das Leben als Gerber
Gerben war harte, körperliche Arbeit. Vom Einweichen der Häute bis zur Endbehandlung waren sowohl Kraft als auch Fachwissen gefragt. Dieses Gewerbe prägte den Charakter der Stadt. Generationen von Familien verdienten ihren Lebensunterhalt in der Gerberei und schufen so eine enge Gemeinschaft, die durch ein gemeinsames Handwerk verbunden war.
Leder von internationalem Ruf
Im späten 19. Jahrhundert war das Wiltzer Leder sehr gefragt. Gerbereien wie Lambert und Ideal stellten eine breite Palette von Produkten her: robustes Sohlenleder, feines Oberleder, Riemen und vieles mehr. Die Exporte erreichten Märkte in ganz Europa und bis nach Südamerika. Wiltz stellte nicht nur Lederwaren her, sondern belieferte die ganze Welt.
Herausforderungen und Wandel
Die Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachten Unsicherheit mit sich. Wirtschaftliche Abschwünge und wechselnde Handelsabkommen bedrohten die Stabilität. Diese Schwierigkeiten bildeten die Grundlage für das, was noch kommen sollte, und offenbarten die Spannungen hinter der Fassade der florierenden Wiltzer Industrie.
Der Streik von 1942
Als Nazi-Deutschland Luxemburg die Wehrpflicht auferlegte, verletzte dies die Neutralität des Landes und entfachte erbitterten Widerstand. Die Arbeiter der Ideal-Gerberei in Wiltz waren die Ersten, die handelten und am 31. August 1942 einen Proteststreik starteten. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt und darüber hinaus und löste eine Welle von Streiks und Protesten in ganz Luxemburg aus. Obwohl er brutal unterdrückt wurde - es kam zu Hinrichtungen, Deportationen und Zwangsarbeit - wurde der Streik von Wiltz zu einem Symbol des nationalen Widerstands gegen die Besatzer.
Die Folgen des Streiks waren sowohl für Wiltz als auch für ganz Luxemburg schwerwiegend. Er demonstrierte die Rücksichtslosigkeit des NS-Regimes, weckte aber auch weiteren Widerstand. Der Streik ist ein Schlüsselmoment in der Geschichte Luxemburgs.
Niedergang und Vermächtnis
In der Nachkriegszeit musste sich die Wiltzer Lederindustrie neuen Hindernissen stellen. Der technologische Wandel und der globale Wettbewerb forderten ihren Tribut. Die Gerberei Lambert wurde 1953 geschlossen, die Gerberei Ideal 1961. Doch die Erinnerung an den Streik lebt weiter und zeugt von der Unbeugsamkeit der Luxemburger.
Wiltz heute
Die großen Gerbereien gibt es zwar nicht mehr, aber ihr Erbe lebt weiter. Der Besucher kann Überbleibsel dieser einst florierenden Industrie finden: Bürogebäude, das Pförtnerhaus Ideal und das Gerbereimuseum im Schloss Wiltz. Denkmäler gedenken des Streiks und erinnern daran, dass die Wiltzer Lederarbeiter nicht nur Handwerker waren, sondern auch Helden, die sich für ihre Gemeinschaft und ihr Land einsetzten.